Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"

Montagsgespräch im Museum "Runde Ecke" mit Roland Quester

„Als „Land meiner Kindheit und Jugend, als Land, das mich den Widerspruch zwischen Schein und Sein gelehrt hat, als Land absurder öffentlicher Statements und Reden“ beschreibt Roland Quester die DDR im Vorfeld des 21. Montagsgespräches. Die beiden Moderatoren Reinhard Bohse und Tobias Hollitzer begrüßten wieder einen Gast, der sich an der Friedlichen Revolution beteiligt. Die Ausführungen des Gastes betrafen wie immer nicht vordergründig die politischen Ereignisse sondern die Biografie des Gastes.
Zu Anfang stellte Tobias Hollitzers die obligatorische Frage, wann er den Ausruf „Wir sind das Volk“ zum ersten Mal vernommen habe. Quester wusste nicht mehr das genaue Datum, doch war er sich bewusst, den Ruf zum ersten am Nikolaikirchhof bei einer Montagsdemonstration als Gegenruf zu „Wir wollen raus!“ gehört zu haben.

Gesprächsreihe "Wir sind das Volk!"


 

Nach dieser Einstiegsfrage folgten weitere zu Questers Leben und seiner Familie in der DDR. Auf eine Frage Bohses, beschreibt der Gast die Herkunft seines Nachnamens: Dieser komme aus dem Hugenottischen, obwohl seine Familie väterlicherseits aus Schlesien stamme. Seine Mutter kam aus Bad Liebenwerda, wo sich seine Eltern nach Ende des Krieges kennen lernten. Sie gingen nach Halle, wo der Vater Architektur studierte. Nach abgeschlossenem Studium zog die Familie nach Leipzig. Questers Mutter war stets zu Hause und kümmerte sich trotz des Abschlusses als Zahntechnikerin um die drei Kinder. Die Einschulung als „Mutti-Kind“ empfand der Gast nicht als schwierig. Er sei in die Vorschule gegangen, um sich an den Schulalltag zugewöhnen und kam sehr gut zurecht. Allerdings sei er „auffällig eingeschult“ worden: Die Kinder bauten zu Hause eine Bude auf einem Baum, wobei ihm ein Stein auf den Kopf fiel. Nach einem kurzen Aufenthalt im Krankenhaus erschien er mit einem Turban auf dem Kopf, was natürlich bei seinen Mitschülern Eindruck machte.

Roland Quester durfte, wie seine ältere Schwester nach der zehnten Klasse nicht auf die Erweiterte Oberschule wechseln, da seine Eltern als Intelligenz galten und sie zudem nicht in der FDJ sondern getauft waren. Sein jüngerer Bruder wurde später auf Grund sehr guter Leistungen zur EOS zugelassen, aber noch vor Beginn des Schuljahres wieder von der Schule verwiesen.

Tobias Hollitzer fragte nach seiner Stellung in der Schule, ob er ein „bunter Vogel“ gewesen sei. Er fühlte sich in seiner Klasse nie allein, da andere Themen als die Massenorganisationen als wichtig angesehen wurden.

Von häuslicher Seite sei er kritisch erzogen worden; es wurde Deutschlandfunk gehört und die Tagesschau gesehen, trotzdem sei sein Interesse für Politik während der Schulzeit gering gewesen. Dies änderte sich erst nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Da bemerkte er durch Informationen in den West-Medien, dass in der DDR verschwiegen und verharmlost wurde, da sich die Berichterstattung der Bundesrepublik in keiner Weise mit der der DDR deckte, „was überhaupt nicht mehr zusammenging.“

Nach Abschluss der schulischen Ausbildung war er sich über seinen beruflichen Werdegang nicht sicher, entschied sich dann für eine Ausbildung zum Tischler, dessen Berufsbild er durch seinen Vater, der ebenfalls gelernter Tischler war, und eine heimische Werkstatt kannte. Im Rahmen der Ausbildung bemerkte er, dass er in diesem Beruf keine Erfüllung finden würde. Trotzdem lernte er dort den Unterschied zwischen Schul- und Arbeitsalltag, die harte körperliche Arbeit, Präzision und Geduld. Nach dem Wehrdienst war Quester noch einmal für kurze Zeit als Tischler tätig, fühlte sich in dem Betrieb aber nicht wohl undbeschloss, dort nicht weiter zu arbeiten. Danach verdiente er sich für kurze Zeit sein Geld als Modell in der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

1986 trat er der AG Umweltschutz beim Jugendpfarramt bei, einer Gruppe, die sich zu dieser Zeit neu strukturierte und in der er zahlreiche Aufgaben wahrnahm. Quester war offiziell arbeitslos, aber die „Gruppe hat jeden Monat was in ein Körbchen gelegt.“

Auf die Frage von Bohse, was seine Motivation für das umweltpolitische Engagement gewesen sei, nannte der Gast mehrere Gründe: Die Situation in Leipzig, Schaumlagen auf Flüssen, schmutzige Luft, ein grauer Dunst über der Stadt, ließ selbst Kinder zu der Erkenntnis gelangen, dass „das nicht der Normalzustand ist.“ Auch ohne Fachkenntnisse wurde ihm klar, „hier wirst du einfach nur veralbert.“ Er sei „hineingewachsen, durch das, was man erlebt hat, durch diese Diskrepanzen“ zwischen politischen Erklärungen und der realen Situation.

Zur Demonstration am 1. Mai 1986 ging einer mit einem Transparent mit der Aufschrift „Atomkraft – Nein danke!“, worauf ihm und seinem Freund sofort dieses entrissen wurde und beide abgeführt und lange verhört wurden. Er beschäftigte sich in der Umweltgruppe mit stadtökologischen Fragen, pflanzte Bäume und beobachtete eine Mülldeponie, zu der Leipzigs gesamter Müll gebracht wurde. Um Erkenntnisse und Arbeitserfolge zu veröffentlichen wurde die Samisdat- Zeitschrift „Streiflichter“ DDR-weit herausgegeben. 1988 begannen sie, die „Grünen Abende“ wiederzubeleben, Informationsveranstaltungen zu bestimmten ökologischen und politischen Themen. Da die Nikolai –sowie die Thomaskirche keine offenen Türen für diese Veranstaltung hatten, war Quester sehr dankbar, diese „große tolle Reihe“ in der Reformierten Kirche durchzuführen. Seine Arbeitslosigkeit wurde geduldet und stellte für ihn sogar einen Vorteil dar: Ihm konnte kein Berufsverbot erteilt werden.

Sein Blick auf die DDR wurde im Laufe der Zeit immer politischer und er hätte gerne den Slogan „Arbeiter mit, plane mit, regiere mit!“ ernst genommen. Die Situation war aber anders: „Mitarbeit ok, mitplanen schon gar nicht und mitregieren war ja das Allerletzte.“

Welche Rolle für ihn die Friedensgebete gespielt hätten, wollte Hollitzer wissen. Für Quester persönlich seien sie weniger bedeutend gewesen, da er sich nie als echtes Kirchenmitglied ansah. Deshalb habe er nicht an den Gebeten teilgenommen, für die Arbeit der Gruppe seien sie aber sehr wichtig gewesen. Als spannend und aufregend empfand er diese Zeit, in der es „brodelte.“ Als störend sah er an, dass Montagsdemonstrationen sowie Friedensgebete stark von Ausreisewilligen geprägt waren – er wollte in seiner Heimat bleiben und diese verändern. Somit empfand er den Ausspruch „Wir sind das Volk“ als etwas sehr positives, da er den Willen zu Umwälzungen zeigte.

Seine Umweltgruppe und er wollten eigenverantwortliche Umweltarbeit leisten und so gründeten sie zu der Zeit als auch das Neue Forum oder Demokratie Jetzt entstanden, den Ökolöwen. Sie waren bei allen Runden Tischen und auch im Haus der Demokratie dabei und konnten sich, da sie erst einmal die Vereinsbasis organisieren wollten, nicht an der Gründung der Partei Die Grünen beteiligen. Der Ökolöwe engagierte sich beispielsweise stark bezüglich des Tagebaus Cospuden, der Einführung von Tempo 30-Zonen in Wohngebieten oder der Neugründung der Stadtwerke.

1994 ist Roland Quester „in den Stadtrat reingerutscht.“ Die Grünen fragten ihn, ob sie ihn als Kandidaten aufstellen könnten und er willigte ein, in der Annahme nicht gewählt zu werden. „Ich schlage die Zeitung auf, sehe meinen Namen und denke, das ist falsch gedruckt“, sagte Quester bezüglich seiner Wahl in den Leipziger Stadtrat. Da er von vielen Menschen bewusst gewählt wurde, musste er sich dieser neuen Aufgabe, mit der „man was bewegen kann“, stellen.

Demokratie erfordere Mitmachen und er verweist auf Vaclav Havel, der der Auffassung war, dass Politik den Glauben das Richtige zu tun einschließen müsse. Es werde sowohl von Bürgern erwartet, dass sie sich eingehend informieren, als auch von Politikern, dass sie sich nach gründlicher Prüfung und Überlegung entscheiden würden. Diese Aufgabe nehme er gerne wahr und halte sie in einer parlamentarischen Demokratie für entscheidend.

Die Veränderungen nach 1989 seien gravierend gewesen. Die „demokratische Entwicklung“ sei zudem mit der Verantwortung auf politischer Seite verbunden, dem entgegenzuwirken, dass Menschen das Gefühl bekommen, nichts verändern und bewegen zu können. Als schwierig sehe er die Kopplung von Politik und Medien an und die oftmals anzutreffende Ausrichtung politischer Entscheidungen an medialer Berichterstattung. So sei seine Anfangszeit als Stadtrat schwierig und mühselig gewesen und er sei oft verzweifelt – trotzdem lohne sich die Arbeit.

Nach einer abschließenden Fragerunde durch die Besucher wurde ein spannendes und aufschlussreiches 21. Montagsgespräch beendet.

 

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte